Warum wir Intersektionalität brauchen, um die Klimakrise zu verstehen

Der Klimawandel betrifft Regionen des globalen Südens schon seit Jahren, ohne dass viel darüber berichtet wird. Obwohl die Effekte der Klimakrise dort weitaus drastischer sind. Hier erklären wir dir, warum Intersektionalität so entscheidend bei der Klimakrise ist.

Schon lange bekommt der globale Süden die Konsequenzen des Klimawandels stärker zu spüren als der globale Norden. Die Klimakrise verstärkt bestehende Ungleichheiten, da die vulnerabelsten Bevölkerungsgruppen sich am schwierigsten an die klimatischen Veränderungen anpassen können. Diese Intersektionalität ist zentral für ein ganzheitliches Verständnis der Auswirkungen des Klimawandels.

Die Ungerechtigkeit der Klimakrise

Der Klimawandel betrifft alle Länder und Kontinente, doch die Intensität der Auswirkungen variieren je nach Klimazone. Die schon lange spürbaren Konsequenzen vom Klimawandel sind deutlich schwerwiegender für den globalen Süden als für den globalen Norden. Zum einen ist der globale Süden weitaus mehr betroffen von steigenden Temperaturen, die Dürren, Trockenheit und Wasserknappheit verursachen. Schon jetzt beeinflussen diese Umweltveränderungen die Ernährungssicherheit, Lebens- und Wirtschaftsweise vieler Menschen und bedrohen ihre Existenzen. So waren im Jahr 2021 weltweit bereits über 52 Millionen Menschen von Dürren und deren katastrophalen Auswirkungen betroffen.  

Zum anderen betreffen auch Naturkatastrophen vermehrt Bewohner:innen des globalen Südens. Einer Studie zufolge sind es vor allem die Länder in Afrika und Asien, die am schlimmsten von Naturkatastrophen bedroht sind. 49% der Todesfälle, die auf Naturkatstrophen zurückzuführen sind, trafen Menschen aus Asien. Überschwemmungen gelten dabei als tödlichste Naturkatastrophe, denen im Zeitraum von 2000 bis 2019 ganze 1,65 Milliarden Menschen zum Opfer fielen.

Ungerecht ist die Klimakrise auch daher, da die Länder, die am stärksten von Klimakatastrophen betroffen sind, die Länder sind, die am wenigsten zu den Ursachen der Erderwärmung beigetragen haben. Denn die Emissionen, die den Klimawandel verursachen sind zu einem viel größeren Anteil auf den reichen globalen Norden, als auf die ärmeren Entwicklungsländer des globalen Südens zurückzuführen. Die 10% der größten CO2-Emittenten sind für fast die Hälfte der weltweiten individuellen Emissionen verantwortlich, während die unteren 50% nur für 12% der weltweiten Emissionen verantwortlich sind. Diese 50% werden allerdings die Konsequenzen des Klimawandels am drastischsten zu spüren bekommen, obwohl sie am wenigsten Verantwortung dafür tragen.

Was ist Intersektionalität?

Intersektionalität beschreibt den Schnittpunkt mehrerer Benachteiligungen aufgrund von sozialen Kategorien, die gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig beeinflussen. Die Begriffsverwendung stammt ursprünglich aus der feministischen Theorie und basiert auf der Einsicht, dass soziale Kategorien nicht isoliert auftreten, sondern miteinander verwoben sind und somit die gesamte Ungleichheitserfahrung von Individuen gestalten.

Übertragen auf die Klimakrise lässt sich feststellen, dass es auch hier die Berücksichtigung von Benachteiligungen aufgrund von verschiedenen sozialen Kategorien braucht, um die Auswirkungen der Klimakrise zu begreifen. Zum einen gibt es umweltbedingten Rassismus, der sich darin äußert, dass die Auswirkungen von Umweltverschmutzung und Klimawandel oft auf benachteiligte Gruppen abgewälzt werden. So sind einkommensschwache, farbige und indigene Völker in unverhältnismäßiger Weise Umweltverschmutzungen und Naturzerstörungen ausgesetzt. Diese Bevölkerungsgruppen, die bereits vulnerabel sind und häufig nicht über eine hochwertige gesundheitliche Versorgung verfügen, werden aufgrund von hoher Luftverschmutzung, giftigen Chemikalien oder anderen Umweltverschmutzungen noch höhreren gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Es ist beispielswiese 75% wahrscheinlicher, dass Müllverbrennungsanlagen in einkommensschwachen Gemeinden lokalisiert sind und auch die schädlichen Auswirkungen der Industrie für fossile Brennstoffe bedrohen benachteiligte Gruppen unverhältnismäßig stark.

Auch Phänomene wie Naturkatastrophen oder veränderte Umweltbedingungen wirken sich ungleich auf wohlhabende und mittellose Bevölkerungsgruppen aus.

Sozio-ökonomische Bedingungen beeinflussen maßgeblich, wie auf Klimakatastrophen reagiert werden kann und wie anpassungsfähig man im Angesicht der veränderten Klimabedingungen ist.

So ist beispielsweise die Anpassung an sich verändernde klimatische Bedingungen erschwert, wenn man nicht über die finanziellen Ressourcen verfügt, um Maßnahmen wie beispielsweise Wasserspeichertechnologien oder Klimaanlagen bei extremer Hitze zu ergreifen. Auch das Abhanden sein von Versicherungen und finanzieller Absicherung im Fall von Naturkatastrophen kann dazu führen, dass sich Betroffene nicht von derartigen Ereignissen erholen können. Daraus resultieren mangelnde Versorgungssicherheit, kein Zugang zu Unterschlupf oder Hilfe und noch prekärere Lebensbedingungen.

Die Klimakrise verstärkt daher bereits bestehende soziale Ungleichheiten und wirkt sich besonders stark auf die ökonomisch vulnerablen Bevölkerungsgruppen aus.  

Was sind die Konsequenzen?

Die Folgen der Klimakrise und der veränderten Umweltbedingungen werden die Flucht und Verdrängung von Millionen Menschen aus ihrer Heimat bewirken. Im Jahr 2021 mussten bereits 22,3 Millionen Menschen wegen Naturkatastrophen fliehen. Wetterbedingte Flucht wird in den kommenden Jahren noch erheblich zunehmen. Es gibt Prognosen, die von 200 Millionen Migranten ausgehen, die aufgrund des Klimawandels zur Mitte des 21. Jahrhunderts nach Europa fliehen. Wenn die eigene Heimat durch den Anstieg des Meeresspiegels, Dürren, Hitzewellen oder Überschwemmungen unbewohnbar wird, bleibt keine andere Möglichkeit als den Wohnort zu verlassen. Doch häufig haben Menschen mit geringer Ressourcen- und Finanzausstattung auch nicht die Möglichkeit, einfach zu migrieren. Teilweise haben sie keine andere Wahl als in ihren prekären Umständen zu verharren, in denen jede weitere Katastrophe zu noch mehr Not führt.

Wir müssen bei der Klimakrise daher diese Intersektionalität und Benachteiligung bestimmter Menschen unbedingt mitdenken. Wenn die vulnerabelsten Bevölkerungsgruppen der Klimakrise am stärksten ausgesetzt sind, müssen sie dementsprechend auch am meisten beschützt werden. Dies liegt vor allem in der Verantwortung von den Akteuren, die am meisten zum Klimawandel beigetragen haben, den Risiken des Klimawandels jedoch am wenigsten ausgesetzt sind. Die wohlhabenden westlichen Industrienationen, die die Hauptverantwortung für den menschengemachten Klimawandel tragen, müssen die verwundbaren Länder bei der Anpassung an den Klimawandel unterstützen und Klimagerechtigkeit muss in das Zentrum jeder Nachhaltigkeitsdebatte rücken.

Literaturverzeichnis

Statista Research Department (2022). Betroffene von Naturkatastrophen nach Art der Katastrophe weltweit 2021. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/196915/umfrage/betroffene-von-naturkatastrophen-auf-den-kontinenten-nach-art-der-katastrophe/

Statista Research Department (2022). Verteilung der Todesfälle durch Naturkatastrophen nach Kontinenten 2021. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1086884/umfrage/verteilung-der-todesfaelle-durch-naturkatastrophen-nach-kontinenten/

Statista Research Department (2022). Anzahl der von Naturkatastrophen betroffenen Menschen nach Katastrophenart. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1222221/umfrage/anzahl-der-von-naturkatastrophen-betroffenen-menschen/